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Wir reparieren Ihren Planeten!

2006

24.01.2006 Das Weichei

 

Es ist vormittags, die Sonne scheint, in Regensburg liegen etwa 10 cm Schnee, die Temperatur beträgt etwa -5° Celsius und ich liege mitten im Peterstor ohne Zelt in meinem Schlafsack, in dem es mollig warm ist. Ich will einen Kaffee im Strohhalm, der Wärmestube für Obdachlose, trinken und ziehe den Reißverschluss auf, um herauszusteigen. Als ich, nur mit einer kurzen Hose und einem T-Shirt bekleidet barfuss durch den Schnee zur Brücke stapfe, wo meine Klamotten hängen, kommt oben auf der Brücke eine ältere Dame entlang und schaut mich ganz entsetzt an. "Ich rufe die Polizei und einen Krankenwagen, Sie erfrieren ja!", schreit sie herunter und ich, weil ich noch müde und von dem Geschrei genervt bin, rufe herauf: "Ey Du Weichei, nur weil Du den ganzen Tag zu Hause neben der Heizung sitzt, musst Du nicht meinen, andere würden erfrieren!". Sie blies sichtlich beleidigt die Backen auf und ging schnell weiter, endlich hatte ich wieder meine Ruhe. Ich zog mir meinen dicken Skioverall und die Winterstiefel an, stieg die Leiter hoch und trottete zum Strohhalm, wo ich von den Insassen schon grinsend empfangen wurde. Ich fragte, was los sei und bekam als Antwort: "Du bist jetzt berühmt!". Ich verstand nur Bahnhof, bis der Sepp die Zeitung aufschlug und ich darin lesen konnte, dass der Chef vom Gesundheitsamt, ein Dr. Körber, beim Peterstor vorbei kam und "im Graben einen Obdachlosen mit Zelt hat sitzen sehen, der sich an einem Lagerfeuer wärmte". Ich sagte zum Sep: "Der Herr Dr. Körber hat mich aber nicht gefragt, ob ich etwas brauche, dann sollte er auch nicht so besorgt tun und gleich bei der Zeitung anrufen". Sepp und die anderen grinsten nur und wir ach so armen Obdachlosen schlürften unseren Kaffee.

18.11.2006 Tom Dooley

 

Ich kam gerade aus dem Strohhalm vom morgendlichen Kaffeetrinken zurück und wollte wieder ins Loch hinuntersteigen, da hörte ich jemanden "Amaro! Amaro!" hinter mir rufen. Ich drehte mich um und sah Tom Dooley auf mich zu kommen, einen der Verkäufer vom Donaustrudl, der sozialen Straßenzeitung in Regensburg, von denen ich schon einige Leute kennengelernt hatte. Tom war ganz aufgeregt und teilte mir mit, dass er in der Mittelbayerischen Zeitung gelesen hatte, dass "ich will, dass ein Garten hinkommt" und dass ich im kommenden Frühjahr anfangen werde, in den bis dahin angelegten Beeten Salat oder Kartoffeln anbauen werde. "Hey, das glaubst Du doch selbst nicht! Die Bauarbeiter hauen Dich in ein paar Wochen raus und dann fangen die mit dem Hochhaus an!", sagte er zu mir. Ich grinste ihn an und sagte in ganz ruhigem Ton zu ihm, dass ich ja gerade erst anfange und insgesamt mindestens 5 Jahre brauche, um das Gelände nach meinen Wünschen umzugestalten. Irgend etwas sagte mir, dass ich Recht behalten sollte. Aber Tom glaubte mir nicht. Sichtlich enttäuscht, dass er mich nicht herunterziehen konnte, wackelte er von dannen und als ich ihm nachschaute dachte ich mir nur: "Der Tom hat doch mitbekommen, dass ich schon über ein Jahr hier herumwerkele, da muss er doch eingesehen haben, dass ich ziemlich ausdauernd sein kann. Alleine schon, um es Tom Dooley zu zeigen, muss ich jetzt die ganzen 5 Jahre lang durchhalten". Ich stieg die Leiter herunter und las noch ein wenig Müll auf, denn ich wollte noch ein bisschen Anschauungsmaterial für die Fernsehleute von TVA Regensburg bereitstellen, die sich für nachmittags zu einer filmischen Reportage über meine Arbeit angekündigt hatten. Nachdem ich 2 Eimer mit Kleinkram wie Scherben und Kippen gefüllt hatte, garnierte ich sie obendrauf noch mit einer Spritze, die gestern abend wohl jemand "aus Versehen" ins Loch fallen lassen hat und wartete. Dabei fiel mir auf, dass heute ungewöhnlich viele Besucher oben am Geländer standen, ich hatte mit Ziegelsteinen in metergroßen Buchstaben "Danke!" vorne an der Mauer hingeschrieben und als Ausrufezeichen ein herzförmiges kleines Brünnlein für die Münzsammlung daneben aufgebaut. Ein ständiges Klimpern versüßte mir die Wartezeit und dann kamen die Leute von TVA. Sie fragten mich nach meiner Motivation und deshalb las ich Ihnen einen kleinen Text aus meinem Sprüche- und Gedichtbüchlein vor, um es Ihnen begreiflich zu machen. Aber es hatte seine Wirkung verfehlt. Sie fragten mich doch tatsächlich, ob ich ein religiöser Fanatiker sei. "Ich bin Naturfanatiker!" erwiderte ich. Nach einer Stunde Fernsehkameraspektakel waren die Leute endlich wieder weg. Der Beitrag wurde dann 3 Tage später am 21.11. gesendet. Ich fand den Film gar nicht mal so schlecht. Aber die Szene mit den Spritzen hätten sie nicht rausschneiden müssen, dann wäre es noch realer, aber in Bayern darf man bloß nicht zugeben, dass man evtl. ein Problem mit zu vielen Junkies hat.