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Wir reparieren Ihren Planeten!

2004

15.01.2004 Der Diebstahl

Eigentlich sollte der (Doppel-)Turm ja schon Ende letzten Jahres fertiggestellt sein, doch irgend etwas kam wohl offenbar dazwischen. Zu allem Übel hat angeblich noch jemand die Bautafel geklaut.

15.03.2004 Die Finanzen wackeln

Vielleicht hängt ja die Verzögerung des Baubeginns mit der desolaten finanziellen Entwicklung der Firma Tecton zusammen. Ich frage mich, wie jemand, der gerade pleite geht, eine komplett neue Firma (AIS) aus dem Ärmel schüttelt, die den Bau fortführen will, als ob nichts geschehen wäre.

April 2004 Inzwischen in Indien

Eigentlich wollte ich Indien erkunden, um herauszufinden, ob es sich dort zu leben lohnt. Ich wollte aussteigen, auswandern und in der Ferne ein neues Leben beginnen. Doch mir gefiel es dort nicht.

Ein kleiner Reisebericht:

Ich flog mit der Usbekistan Airlines, um ein bisschen Geld für das Ticket zu sparen. Deshalb flogen wir mit einer Tupolew russischer Bauart und hatten eine Zwischenlandung in Taschkent, der usbekischen Hauptstadt. Dort mussten alle über eine Treppe aussteigen und quer über das Rollfeld wurden wir von mit Maschinenpistolen bewaffneten Sicherheitskräften zum Terminal begleitet. Die Läufe der Maschinenpistolen zeigten nach innen auf uns und mich beschlich ein mulmiges Gefühl. Auf den Weiterflug mussten wir nun einige Stunden warten, während es nicht erlaubt war, das Terminal zu verlassen. Tausende warteten dort zusammengepfercht und ich bekam langsam große Platzangst. Endlich ging es weiter und nach ein paar unendlichen Stunden landeten wir in Amritsar im Punjab. Im April hatte es schon morgens um 2 Uhr über zwanzig Grad und ich dachte daran, wie warm es wohl tagsüber werden würde. Nach einer weiteren Stunde am Schalter kam ich aus dem Gebäude heraus und bestieg ein Taxi, welches mich nach Urmar-Tanda bringen sollte, dem Wohnort einer Familie, die ich über indische Freunde in Düsseldorf vermittelt bekam. Auf der Strecke fielen mir die vielen Fußgänger auf, eine wahre Völkerwanderung fand dort statt und ich fragte mich, wo die Leute wohl alle mitten in der Nacht hin wollten. Die ganzen etwa 100 km riss der Strom von Leuten nicht ab. Einige Dinge in diesem Land wirkten doch sehr fremd auf mich, da waren die Toiletten, die ovalen, im Boden eingelassene Löcher aus Keramik, noch das Harmloseste. Am interessantesten fand ich die Methode, wie man die Moskitos davon abhielt, einen zu stechen. Über jedem Bett war ein Ventilator angebracht, den man anschaltete, wenn man zu Bett ging, doch man musste auf die höchste Stufe stellen, damit der erzeugte Wind schneller war, als die Mücken fliegen konnten. Und als ich so dalag und über die Mücken lachte, weil sie mich nicht erreichen konnten, fiel der Strom aus und wahre Wolken von Mücken drangsalierten mich innerhalb von Sekunden. Das Lachen verging mir schnell. ;-) Am nächsten Morgen war mein Augenlid geschwollen und glich von der Größe her einem Tennisball. Auch das Essen bekam mir nicht. Ich bekam schlimmste Verdauungsprobleme und mußte drei Tage und Nächte lang viertelstündlich zur Toilette, bis hinten und vorne nur noch Blut heraus kam. Zu allem Überfluß wollte mein Gastgeber, ein Ayurveda Arzt, der mit seiner Ausbildung bei uns maximal zum Homöopaten getaugt hätte, mir eine Injektion verabreichen. Als ich dankend ablehnte, wurde der Mann richtig böse, weil er sich wohl in seiner (ärztlichen) Ehre verletzt fühlte. Daraufhin wollte er mir die Spritze regelrecht aufzwingen. Da hatte es mir gereicht und ich beschloss, meinen eigenen Weg zu gehen und auf eigene Faust das Land zu erkunden, was ich dann auch schnell tat. Ich wusste leider nicht genau, wohin ich gehen sollte, weshalb ich den ersten Bus nahm, der an der Haltestelle ankam. Dieser fuhr nach Jammu in der Himalaya-Region Kaschmir. Auf dem Weg zur Haltestelle kam ich im Ort an einem riesigen Loch vorbei, das über und über mit Müll gefüllt war. Hin und wieder wurde der Müll wohl angezündet, denn es rauchte aus allen Ecken und Enden das Haufens. Ein paar Kinder suchten im Müll nach verwertbaren Dingen, die sie dort einsammelten. Nachdem ich eine Weile im Bus schräg hinter dem Fahrer saß, fiel mir ein älterer Herr mit einem langen Bart auf, der direkt hinter mir saß und irgendetwas in seiner Hand hiel, was er versuchte, mit einer Papiertüte zu verstecken. Nachdem ich ein paar Mal aus dem Augenwinkel zu ihm schaute, hielt er mir die Tüte plötzlich hin und ich sah, dass aus dem oberen Ende ein Flaschenhals heraus schaute. Mir kam ganz plötzlich die Warnung meiner indischen Freunde aus Düsseldorf in den Sinn, dass, wenn mir jemand Alkohol anbieten würde, er es auf mein Geld abgesehen hätte und mich zu diesem Zweck mit Schnaps betrunken und somit zu einem wehrlosen Opfer zu machen versuchte. Er hielt mir noch einige Male die Flasche hin, worauf ich dann meinen Platz wechselte und mich auf die hinterste Bank setzte, um einen guten Überblick auf das sonstige Publikum im Bus haben zu können. Ich beobachtete, dass der Mann hin und wieder verstohlen zu mir herüberblickte und dass er dann zu seinem Handy griff und telefonierte. An der nächsten Haltestelle stiegen dann zwei Männer ein, die offenbar Bekannte des Schnapstrinkers waren. Während sie sich zu ihm setzten, zeigte der Mann auf mich und sie blickten genau so verstohlen zu mir herüber. Jetzt telefonierten alle drei. An den nächsten Haltestellen stiegen noch mehr Bekannte des Mannes ein und er zeigte jedem von ihnen den Europäer, der auf der hinteren Bank saß und dem so langsam aber sicher etwas mulmig wurde. Der Bus füllte sich langsam und letztendlich bestand die Clique des Mannes aus einem Dutzend Leuten, die ständig zu mir herüberlugten und bedeutungvoll und wild nickend miteinander tuschelten. Und während ich noch so überlegte, wie ich diese Situation schadlos überstehe, entstand plötzlich ein Tumult im nun vollbesetzten Bus. Alle Fahrgäste sprangen plötzlich auf und drängten zur linken Seite. Der Bus wurde langsamer und als ich aus dem linken Fenster schaute, sah ich einen kleinen Tempel näher kommen, vor dem dutzende johlende Kinder die Arme hochreckten. Die Fahrgäste hielten alle etwas in der Hand und als wir am Tempel vorbei fuhren, warfen alle etwas aus dem Fenster, etwa die Hälfte warf ein weißes Pulver, vermutlich Salz oder Mehl, die andere Hälfte mit Geld, was die Kinder versuchten zu fangen. In meinem Kopf schwirrten unbeantwortete Fragen herum, die aber nach ein paar Metern schnell beantwortet wurden. Plötzlich ging es steil bergauf und wenige hundert Meter weiter fanden wir uns zwischen steilen Klippen und Abgründen wieder, durch die sich die Straße in engen Serpentinen schlängelte. Jetzt wurde mir klar, dass in dem Tempel so etwas wie der Heilige aller Reisenden sitzen musste, der, je mehr Geld man aus dem Bus warf, umso besser die Leute vor dem Absturz in die Abgründe dieser Strecke zu schützen vermochte. Ich schaute nach rechts in einen besonders tiefen Abgrund und sah zu meinem Entsetzen einige deformierte und ausgebrannte LKW- und Buswracks auf einem größeren Felsvorsprung etwa 200 Meter weiter unten liegen und fragte mich, ob die Insassen wohl auch noch nicht geborgen wurden. Das Kopfkino ging an und ich sah verkohlte Gesichter aus dem Bus schauen und lächeln. Ich musste mich kurz schütteln und bekam zum Glück keine Zeit, tiefer in diese Thematik einzusteigen, denn ich sah nun ein Motorrad, welches uns mit affenartiger Geschwindigkeit überholte, obwohl auf der Gegenspur gerade ein LKW einen Bus überholte. Ich sah die Motorradfahrer schon am Kühlergrill des LKW's kleben, doch das Motorrad fuhr einfach zwischen Bus und LKW hindurch und kam unbeschadet hinten wieder raus. Ich dachte mir nur, dass man wirklich einen starken Gott braucht, wenn man immer so fährt. Die Aussicht wurde inzwischen grandios, man konnte den Himalaya sehen. Wir befanden uns hier auf einem relativ flachen vorgelagerten Bergkamm dieses mächtigen Gebirges und eigentlich wollte ich gar nicht erst wissen, wie die Strecken dort aussahen, wenn es schon auf diesem kleinen Hügel solche gefährliche Strecken ohne Markierung und ohne Seitenbegrenzung gab. Oben auf dem Pass wiederholte sich das Spiel mit dem Geld noch mal, links war wieder ein Tempel und johlende Kinder gab es auch wieder zuhauf, aber eine Kleinigkeit war diesmal anders, die Leute warfen viel mehr Geld und weißes Pulver aus dem Fenster, da fiel es mir plötzlich ein: "Es geht bergab!", der Fahrer kuppelte aus und wir rollten schneller und immer schneller die Straße hinab. Ich fühlte mich, als wenn ich in einer Achterbahn sitzen würde, aber der Fahrer schnitt souverän die Kurven, als wenn er sein Leben lang nichts anderes gemacht hätte. Als wir nach unendlichen Minuten endlich unten ankamen, warfen die Leute noch mehr Geld und Pulver aus dem Fenster. Hier standen schon weit über hundert johlende Kinder, die sich über den reichlichen Geldsegen freuten. Unterdessen wurde ich auch weiterhin von "meinem" dutzend dubioser "Fans" aus dem Augenwinkel betrachtet und ich überlegte, wie ich entrinnen konnte, da ich mir sicher war, dass diese Typen mich verfolgen würden, egal an welcher Haltestelle ich aussteige und wie schnell ich rennen würde. Im Bus fühlte ich mich erst mal sicher. Mir fiel auf, dass der Bus an der Steigung massiv an Geschwindigkeit verloren hatte und ich dachte, wie es wohl wäre, wenn ich in solch einem Moment einfach aus dem fahrenden Bus springen würde. Ich fand die Idee eigentlich regelrecht grandios. Meine Tasche stand zwei Reihen weiter vorne und ich beschloss, um nicht aufzufallen, die Tasche einfach zurückzulassen, weil darin sowieso nichts war, was ich nicht einfach hätte ersetzen können. Während ich diesen Plan schmiedete, fiel mir auf, dass links und rechts überall Kasernen zu sehen waren, aus deren Einfahrten unzählige Militärfahrzeuge quollen und alle in die selbe Richtung fuhren, in die auch der Bus fuhr. Auch gab es plötzlich an der Straße alle paar Meter einen Wachposten, abwechselnd Polizisten und Soldaten, alle mit schweren Gewehren ausgestattet. "Was war hier los?", fragte ich mich. Ich wurde aus meinen Gedanken gerissen, als ich von rechts angestupst wurde. Der Busschaffner, der rechts neben mir saß, grinste mich an und hielt mir seine Zigaretten vor die Nase. Es waren zwar keine westlichen, sondern irgendwelche Kräuterzigaretten, aber ich nahm dankend an, denn ich war nervös und ängstlich und eine Zigarette war jetzt genau das Richtige. Rauchend nahm ich wahr, dass der Moment bald kommen sollte, denn vor uns tauchte der nächste Hügel auf. Ich begutachtete die Tür und war mir sicher, dass ich sie ganz einfach öffnen konnte. an den Innenseiten waren sogar Griffe, wo ich mich noch festhalten konnte, um noch ein bisschen außen mitlaufen zu können, damit ich nicht gleich mit der Nase im Dreck lande. Der Plan war jetzt fertig! Ich wartete nur noch darauf, dass der Bus endlich am Hügel an Fahrt verlor, zählte noch drei ... zwei ... eins, riss die Türe auf, hielt mich an beiden Griffen fest, sprang mit einem Satz heraus und rannte noch einige Meter seitlich mit und kurz bevor ich losließ, schaute ich noch einmal in das entsetzte Gesicht des Schaffners. Dann schlug ich offenbar einige Räder, obwohl ich das früher im Sportunterricht noch nie geschafft hatte und kam auf meinen Füßen wieder zu stehen. Ich stand nun Nase an Nase mit einem Inder, der wohl den Akrobaten schon auf sich zurollen sah und deshalb ein wenig verdutzt dreinschaute. Ich sagte "Hello" und drehte mich um, weil ich wieder zurück wollte. Ich wollte einfach nur nach Hause, nach Delhi zum Flughafen, in die nächste Maschine und ab dafür. Ich hatte jetzt genug von diesem seltsamen Land gesehen und wirklich die Schnauze gestrichen voll. Ich stapfte los und mir war ziemlich egal, ob ich eine Woche bis Neu Delhi laufen musste. Ein paar Meter weiter stand ein Polizist mit Maschinenpistole am Straßenrand, der das Geschehen offenbar aufmerksam verfolgt hatte. Er hielt mich an und fragte mich in gebrochenem Englisch, was los sei. Ich berichtete ihm von dem dreckigen Dutzend dubioser Leute und dass ich Angst hatte, dass die Leute mir an der nächsten Bushaltestelle auf den Kopf hauen und mir mein Geld abnehmen würden. Ein Kollege, der in der Zwischenzeit dazu kam, fragte mich dann so ganz komisch, wie viel Geld ich den dabei hätte, aber ich lächelte und schwieg mich darüber aus, weil es ihn leider nichts an ging. Der Erste teilte mir dann ganz ernst mit, dass, wenn er ein Soldat und kein Polizist gewesen wäre, er dann sofort geschossen hätte, ohne zu fragen, warum ich aus dem Bus springe. Da war ich doch wirklich total froh, dass er kein Soldat, sondern einfach nur ein Polizist mit Maschinenpistole war. Wenn ich ihn richtig verstanden hatte, war so viel Polizei und Militär unterwegs, weil es zwischen Indien und Pakistan zu Zwischenfällen an der Grenze gekommen war, durchaus nichts Unübliches. Laut -> dieser Timeline gab es im Jahr 2004 durchschnittlich etwa 2 Zwischenfälle pro Woche. Während wir so redeten, fiel der Blick des Polizisten auf meine Beine, die ihn sehr zu interessieren schienen. Ich schaute nach unten und sah, dass so ziemlich jede Stelle, die nicht von meinen Shorts bedeckt war, mit teilweise sehr tiefen Schürfwunden und blutigen Stellen übersät war. Ich hatte meinen fünffachen Axel wohl doch nicht so sauber hingelegt, wie ich dachte. O graus, welche Keime jetzt wohl in meine Blutbahn gelangt waren? Mir hatte der Durchfall eigentlich schon gereicht. Der Polizist bemerkte mein besorgtes Gesicht und bot mir an, mich zur nächsten Wache zu bringen, um dort meine Wunden ärztlich behandeln zu lassen. Ich stieg mit ihm in den Polizeiwagen und nach nur ein paar Minuten waren wir schon im nächsten Ort an der Polizeistation angekommen. Dort holte man einen Arzt, der sich liebevoll um die Säuberung der offenen Stellen kümmerte. Nachdem alles gepflastert und verbunden war, sahen meine Beine wieder einigermaßen ansehnlich aus. Ich musste die Behandlung direkt selbst bezahlen, was wohl üblich war. Aber es war ungeschlagen günstig, nur ein paar Rupien kostete mich der ganze Spass, in Deutschland hätte ich bestimmt viel mehr bezahlt. Der nette Polizist, der mich hergefahren hatte, wollte von mir wissen, wohin ich denn unterwegs war. Ich sagte ihm, dass ich nach Jammu fahren wollte. Er bot mir an, mich dort hinzubringen. Ich überlegte kurz und verwarf den Plan, zurück nach Delhi zu laufen, weil er meinte, dass er dort einen Schwager hätte, der ein Hotel besitzt und ich bei ihm meine Wunden ein wenig pflegen könnte. Das hörte sich eigentlich ganz gut an, ich war von dem Durchfall der letzten Tage sowieso geschwächt. Er holte sein privates Motorrad vom Hof, ich stieg auf und er brachte mich direkt nach Jammu, was etwa noch 20 Kilometer entfernt lag. Er setzte mich direkt vor dem Hotel seines Schwagers ab und als ich ihm ein wenig Spritgeld geben wollte, winkte er dankend ab. Wir verabschiedeten uns und als ich ihm nachsah dachte ich: "Es gibt doch noch Menschen, die nicht nur wegen Geld anderen helfen". Ich ging hinein zur Rezeption, fragte nach einem Zimmer und bekam den Schlüssel. Ich ging hoch und legte mich erst einmal hin. Nach ein paar Stunden wurde ich wieder wach und holte mir von der Bar einen Tee und ein paar Kekse, um dann den Fernseher einzuschalten. Der einzige Sender,auf dem ich überhaupt etwas verstehen konnte, war "BBC Asia News", also schaute ich mir diesen an. Ich war immer noch ziemlich kaputt von den Strapazen, die ich in letzter Zeit erlebt hatte, und so zogen die Bilder an mir vorüber wie in einem schlechten Traum. Ein Bauer wurde interviewt. Er hielt ein paar kümmerliche Ähren in der Hand, die wohl die ganz normale Missernte darstellen sollten. Im Hintergrund standen noch ein Dutzend weitere Bauern und jeder von denen hatte einen Knüppel in der Hand. Sie klopften sich alle mit den Knüppeln so seltsam auf die Hand und es sah aus, als wenn sie alle auf Zoff aus wären. Dann begann der Kollege im Vordergrund an zu erzählen, dass die US-Company ihnen diesen Gen-Weizen als Saatgut verkauft hatte mit dem Versprechen, dass man damit mindestens den doppelten Ertrag herausholen könnte. Dann hielt er die Ähre in die Kamera und sagte zähnefletschend und sichtlich verärgert, dass sie alle durch diesen Gen-Weizen nur etwa ein Viertel des normalen Ertrags geerntet hätten und jetzt zwischen Pleite und Verhungern stünden. Dann sagte er noch, dass, wenn die Leute von der US-Company noch einmal kämen, um ihnen diesen Weizen anzudrehen, die Bauern diese Leute zwingen würden, ihren Weizen selbst zu essen, alles! Die Kamera schwenkte auf die Gruppe mit den Knüppeln im Hintergrund, die die Aussage mit wildem Geschrei und drohendem Knüppelschwung unterstrich. "Gut, dass ich kein Saatguthändler in Indien bin", dachte ich, während ich noch einmal nach unten ging, um mir neuen Tee und Kekse zu holen. Als ich wieder in meinem Bett lag, wurde das Weltuntergangsprogramm der BBC noch viel besser. Im nächsten Bericht ging es um irgendwelche kleinen Inseln, von denen ich noch nie gehört hatte und die abwechselnd von China und Japan beansprucht und auch kurzerhand besetzt wurden. Wer nun diesmal wieder die Inseln zurückerobert hatte, habe ich nicht so genau verstanden, aber das war angesichts der nun folgenden Bilder auch unerheblich. Zuerst sah ich eine aufgebrachte Menge tausender von wütenden Menschen im Zentrum von Tokio, die Chinesische Flaggen verbrannten. Die nächste Szene zeigte dann ebensoviele aufgebrachte Menschen in Peking, die japanische Flaggen verbrannten. Ich hatte offenbar noch nicht mitbekommen, dass der Weltuntergang in manchen Ecken schon begann. Drei Tage blieb ich in dem Hotel mit Tee, Keksen, Schlafen und dem Weltuntergang der BBC News. Jetzt, nach dem Tee- und Kekse-Fasten fühlte ich mich wieder fit und wollte ein wenig spazieren gehen. Ich fand um die Ecke eine christliche Kirche und ging hinein. Wenigstens etwas erinnerte sie mich an die Heimat und ich bekam den Drang, wieder nach Deutschland zurückzukehren. Als ich hinaus kam, sah ich schräg gegenüber eine kleine Schneiderei, bei der die Vorderfront über und über mit Stoffen in allen Farben behängt war. Mir fiel ein, dass ich genau hier eigentlich das ultimative Souvenir mitnehmen könnte, ein original indisches Gandhi-Tuch, original geschneidert in Indien. Ich ging hinein und versuchte, den beiden anwesenden Schneidern, die noch weniger Englisch sprachen als ich, zu erklären, was ich wollte, aber sie verstanden es recht schnell, schauten nur etwas komisch. Wahrscheinlich war ich seit langer Zeit der erste Europäer, den sie in diesem Landstrich sahen und obendrein offenbar der erste und einzige, der dazu auch noch ein Gandhi-Tuch von ihnen verlangte. Einer der Beiden holte aus dem Lager eine dicke weiße Stoffrolle und maß großzügig eine Bahn ab, doch der Stoff war nicht breit genug, weshalb er noch eine zweite Bahn abmaß, damit der andere, der schon ganz tatendurstig vor der Nähmaschine saß, die zwei Stücke zusammennähen konnte. Es dauerte ungefähr eine halbe Stunde, bis der Näher das ganze Tuch umsäumt und zusammengenäht hatte und es seinem Kollegen ganz stolz übergab, der es mir auch gleich um die Schultern legte. Ich fand den neuen Umhang total gut und nun grinsten wir uns gegenseitig eine Weile lang an, weil diese Leute es wohl äußerst lustig fanden, einen Europäer einmal in solch einem Gewand sehen zu können. Ich wiederum fand die grinsenden Gesichter, die sie zu diesem Thema machten, nicht minder lustig. Ich bezahlte einen lächerlichen Preis, umgerechnet 1,57 €, bedankte mich höflich und ging hinaus. Draußen stand ein paar Meter weiter eine Moto-Rikscha. Ich ging hin und fragte den Fahrer, ob er mich zum Busbahnhof bringen könnte. Wir starteten und nach einigen Minuten waren wir schon da. Ich bezahlte den Fahrer und drehte mich um, um mich auf dem Busbahnhof umzuschauen. Überall standen uralte bunte Vehikel, die offenbar anderthalb Weltkriege überstanden hatten und nur darauf warteten, Massen von Leuten nach irgendwo zu bringen. Vor den meisten Bussen standen die Fahrer, die laut brüllend und wild gestikulierend ihre jeweiligen Fahrtziele bekannt gaben. Natürlich verstand ich kein Wort, als ich so herumlief und mich fragte, welcher wohl der richtige Bus wäre. Neben mir ertönte ein vertrauter Ortsname, "Hoshiarpur" brüllte der Fahrer und noch ein paar andere Orte, die ich nicht kannte. aber ich hatte neulich auf einer Karte gesehen, dass das gar nicht weit von Urmar-Tanda entfernt war, also zumindest lag es schon mal in der richtigen Richtung. Ich bezahlte beim Einstieg, setzte mich hin und fing an, mich nach meiner Heimat zu sehnen, die aber noch einige Stunden, wenn nicht sogar einige Tage und viele tausend Kilometer entfernt lag. Die Strecke zurück war etwas unaufgeregter, weil ich den Berg schon kannte, wo die Leute ihr Geld zum Fenster raus warfen, die unendlichen Militärkolonnen kamen uns nun entgegen, ich schlief eine Weile und irgendwann am späten Nachmittag waren wir dann in Hoshiarpur, wo ich wieder hellwach war.

Jetzt war mir die Lust auf Bus fahren erst einmal gründlich vergangen. Ständig wurde gerast und in diesem wilden Durcheinander des indischen Straßenverkehrs war lautes Hupen wohl das wichtigste. Ich brauchte etwas Ruhe und vor allem, dass ich endlich mal eine Zeit für mich alleine sein konnte. Ich beschloss, dass ich nach Urmar-Tanda laufe, um mich dort vor der Abreise zu verabschieden. Mein spärliches Gepäck bestand, da ich ja meine Reisetasche im Bus zurückließ, aus einer kleinen gelben Tüte mit einem Gandhi-Tuch, meinem Reisepass und etwas über 500 € in meiner Hosentasche. Ich stapfte los und nach ein paar Metern sah ich schon einen Wegweiser nach Urmar-Tanda, wohin ich mich zu Fuß langsam und gemächlich aufmachte. Ein Gegenentwurf zur Hektik der letzten Jahre, in denen ich als Briefträger einige Jahre wie ein Irrer gerannt war, um das Pensum zu schaffen, was doch deutlich zugenommen hatte, seitdem ich Mitte der 80er Jahre dort mein Praktikum absolvierte. Wahrscheinlich lag es daran, dass man die Post mittlerweile privatisiert hatte und es nicht mehr darauf ankam, flächendeckenden Service für die Kunden, sondern Profit für die Aktionäre zu liefern. Es wurde dunkel, aber ich war noch nicht müde und so ging ich langsam und gemächlich Richtung Nordwesten. Irgendwo im Nirgendwo sah ich plötzlich eine Bambushütte einige Meter von der Straße entfernt neben einer Zuckerrohrplantage stehen, aus der es hell leuchtete und blitzte. Neugierig schaute ich hin und konnte meinen Augen kaum trauen. Da stand doch ein riesiger Fernseher in dieser Hütte, den sich so mancher in Deutschland nicht hätte leisten können. "Man muss halt Prioritäten setzen!", dachte ich mir, während ich versuchte, mir das laute Lachen zu verkneifen. Ich legte einen Zahn zu, um dem lauten Singsang der Bollywood-Schnulze, die dort lief, zu entfleuchen. Einige Kilometer legte ich noch zurück, bevor ich merkte, dass die Sonne bald aufgehen würde und ich langsam, aber sicher müde wurde. Ich suchte mir einen Schlafplatz und ging dazu einige Meter von der Straße weg in einem ausgetrockneten, sandigen Flussbett. Dort standen einige Sträucher. Unter einem von ihnen legte ich mein "Laken" aus, legte mich drauf und rollte mich darin ein, doch wenige Minuten später juckte es mir am ganzen Körper. Ich hatte es mir auf einer Ameisenstraße bequem gemacht und die Tiere versuchten nun, mich zu vertreiben, was ihnen auch ganz gut gelang. Nachdem ich den Platz gewechselt hatte, konnte ich nun tief und fest in meinem Versteck pennen. Als die Sonne schon hoch am Himmel stand, wurde ich wach. Mir war extrem heiß und ich hatte Durst. Wo sollte ich nur hier in der Pampa etwas zu trinken herbekommen? Ich lief einfach weiter über irgendwelche Feldwege, wo ich nach einigen hundert Metern plötzlich ein Plätschern vernahm. Links am Weg gab es eine Bewässerungsanlage. In etwa zwei Meter Höhe kam aus einem fünfzehn Zentimeter dicken Rohr ein gewaltiger Wasserstrahl, der in ein Becken fiel, welches über Rohre mit einem Verteilsystem verbunden war. Kurzerhand zog ich mich aus und stieg in das Becken. Der Druck aus der Leitung war enorm und ich musste aufpassen, dass ich nicht weggespült wurde, aber das Wasser war so schön frisch und klar und es schmeckte einfach köstlich unter der brütenden Sonne. Ich duschte fast eine halbe Stunde lang und trank so viel, wie ich nur hinunter bekam, wer weiß, wann es wieder etwas zu trinken für mich gab. Als ich mich umschaute, liefen auf dem Feldweg einige Leute, die etwas seltsam zu mir herüber schauten, da fiel mir auf, dass ich ja nackt war. Ich zog mich flugs an und ging weiter, um nicht weiter aufzufallen und wegen "Erregung öffentlichen Ärgernisses" Ärgernisse zu bekommen. Ich wusste ja nicht, wie so etwas in Indien bestraft wurde. Jetzt hatte ich keinen Durst mehr und Appetit hatte ich komischerweise auch keinen, vielleicht weil es so heiß war? Ich wusste es nicht, machte mir darüber auch keine Sorgen. Mir ging es sehr gut. Ich ging langsam aber sicher weiter, es wurde nach ein paar Stunden wieder dunkel, aber ich wurde wieder nicht müde und lief nachts noch einige Kilometer, bis ich plötzlich hinter mir einen Hund kläffen hörte. Er kam langsam näher. Dann kläfften zwei Hunde, dann drei und schließlich eine ganze Meute, die nun immer schneller näher kam. "O Graus", dachte ich, "jetzt werde ich von einer ganzen Meute Straßenköter in Indien zerfleischt und niemand wird mich identifizieren können", die Bilder in meinem Kopf sahen roh und blutig aus und ich legte einen Zahn zu in der Hoffnung, dass ich die Hunde abhänge, doch sie folgten mir und hatten sich nun schon auf etwa 30 Meter genähert. Ich ging noch schneller, was aber nicht viel nützte, weil die Hunde auch schneller wurden, dann überlegte ich, ob ich rennen soll, verwarf den Gedanken aber wieder, weil ich mir sicher war, dass die Hunde sich dann an ihren Jagdreflex erinnern und mich wie ein rennendes Kaninchen behandeln würden. Da fiel mir meine Geheimwaffe in der kleinen, gelben Tüte ein, das nagelneue Gandhi-Tuch. Ich nahm es beim Gehen aus der Tüte, faltete es auf und beschloss, auf's Ganze zu gehen, indem ich abrupt stehen blieb, mich umdrehte und die Hunde in der leichten Morgendämmerung, die sich anbahnte, anstarrte und bewegungslos einige Sekunden verharrte. Damit hatten sie nicht gerechnet. Jetzt musste ich schnell handeln, bevor sie sich eine neue Strategie ausdenken konnten. Ich riß die Arme hoch und wedelte wild mit dem Laken, während ich behende auf die Hunde zusprang und laut brüllte, womit sie wohl gar nicht gerechnet hatten, weil sie alle den Schwanz einzogen und in alle vier Himmelsrichtungen auseinanderstoben. Nach wenigen Sekunden war kein einziger mehr weit und breit zu sehen. Meine jahrelange Zeit als Briefträger und damit auch eine Menge Hunde-Erfahrung waren nicht spurlos an mir vorübergegangen, wobei ich da nie eine dermaßen große Meute getroffen hatte. Ich konnte mich wieder langsam beruhigen, während ich weiter lief. Ein paar Mal schaute ich mich noch um, aber kein Hund war zu sehen. Sie hatten aufgegeben, weil sie jetzt Angst vor mir hatten. Es wurde langsam heller und ich kam an einem einzelnen, zweistöckigen Haus vorbei. Auf dem Dach war ein riesiger, fast mannshoher Lautsprecher befestigt, den ich zunächst für eine Sat-Schüssel hielt. Ich fragte mich, was man wohl mit solch einem Lautsprecher auf dem Dach anfangen mochte. Nach etwa 200 Metern wusste ich es. Plötzlich tönte aus dem Lautsprecher ein dröhnendes und alles durchdringendes Singen eines Mannes, der offenbar einen religiösen Hintergrund besaß, zumindest vermutete ich es, weil der Gesang ähnlich klang wie die Stimme eines Imam vom Minarett herunter. Die Melodien waren ja super, aber die Lautstärke war unerträglich, weshalb ich schneller wurde, um mir meine Ohren nicht ruinieren zu lassen. "Sind in Indien alle schwerhörig?" dachte ich mir nur und lief weiter und weiter, wobei ich nach mehreren Kilometern immer noch den Gesang hören konnte. Jetzt war es zumindest erträglicher, aber der Mann hatte eine gute Ausdauer und hörte erst nach über einer Stunde auf. Endlich war es wieder still und ich suchte mir abseits der Straße einen Platz, wo ich ein Nickerchen halten konnte, weil mir die Füße schwer wurden und die Augen fast zu fielen. Ich schlief wieder bis nachmittags, um dann die vermeintlich letzte Etappe anzutreten, ich war mir sicher, dass ich nur noch einen Tagesmarsch entfernt von Urmar-Tanda war, doch etwas kam noch. Etwa zwei Stunden, nachdem ich loslief, erschien am Horizont eine dunkle Wolke, die langsam immer größer wurde, je näher ich kam. Doch es war keine gewöhnliche Wolke, denn sie war nicht weiß oder grau, sondern sie schillerte in verschiedenen Farben von Purpur über Schwarz bis zu einem dunklen Lila, was ich bei Wolken noch nie gesehen hatte. Außerdem schien die Wolke einem Schornstein zu entspringen, weil sie auf der rechten Seite sehr schmal ausfiel und nach links immer breiter wurde, bis sie schließlich den ganzen Horizont einnahm. Je näher ich herankam, desto dunkler wurde es, weil die Wolke einen großen Teil des Sonnenlichts zu schlucken schien. Sie wirkte mehr und mehr bedrohlicher, je näher ich herankam. Als sie schon fast den halben Himmel bedeckte, konnte ich in der Ferne den Schornstein, aus dem sie herauskam und das dazugehörige Fabrikgebäude erkennen. Und während ich so in die Ferne schielte, um herauszufinden, was dort wohl brennen würde, fiel mir links am Weg ein Bahnübergang auf, der über die Schienen führte, die parallel zur Straße verliefen. Ich hörte hinter mir einen Zug kommen. Es war ein Personenzug. In den Türen und an den Fenstern hingen überall Leute heraus, sogar auf den Dächern der Waggons saßen hunderte von Leuten, aber es war nicht so, dass dieser Zug mit einer moderaten Geschwindigkeit fuhr, um nicht ganz so viele Personen durch den Fahrtwind wegwehen zu lassen, nein, er bretterte mit mindestens 150 Sachen an mir vorbei und ich war sicher, dass ich bestimmt nicht mit dem Zug nach Neu Delhi fahren würde. Als ich einen kurzen Blick auf die Schienen warf, während der Zug mit einem unglaublichen Getöse an mir vorbeirauschte, fiel mein Blick auf eine Stelle direkt neben dem Übergang, wo sich die Schienen bei jedem Rad, was darüber rollte, um etwa 10 Zentimeter nach unten senkten. "Kein Wunder, dass in Indien ständig Züge entgleisen", dachte ich mir und war froh, nicht auf dem Zugdach zu sitzen. Nachdem der Zug endlich wieder außer Sicht- und Hörweite war, trottete ich weiter und je näher ich der Fabrik kam, desto stärker wurde ein undefinierbarer Gestank nach brennenden Autoreifen, vermischt mit dem Geruch von dampfendem Müll und allen möglichen chemisch hergestellten Stoffen. Etwa zwei Kilometer vor der Fabrik wurde dieser Gestank fast unerträglich, so dass mir die Augen brannten und anfingen zu tränen. Ich ging schneller, denn ich musste weiter in diese Richtung und wusste leider keinen anderen Weg. Direkt neben der Fabrik war der Gestank so penetrant, dass es mir regelrecht den Atem verschlug und ich kaum noch Luft bekam. Schnell durfte ich nicht laufen, damit ich nicht so tief einatmen musste, denn sonst wäre ich vor Atemnot zusammengebrochen. Am Weg standen ein paar Häuser. Als ich herüberschaute, standen dort ein paar Bewohner herum, die nicht so besonders gesund aussahen. Um genau zu sein, hatte ich nie im Leben vorher Inder mit so einer blassen Gesichtsfarbe gesehen. Jeder Europäer wäre neidisch auf solch ein strahlendes Weiß. Ich war froh, an der Fabrik vorbei zu sein und beschleunigte langsam wieder, um schneller aus dem Höllenloch wieder zu entrinnen, durch das ich gerade gegangen war. "An dieser Stelle war offenbar der Weltuntergang schon vollzogen. Er kommt nicht überall gleichzeitig, sondern er schleicht langsam über die Oberfläche der Erde und tritt zunächst punktuell an manchen Stellen auf, um sich so über den ganzen Planeten zu verbreiten. Und hinterher hat das bestimmt gar keiner ahnen können." Derlei Gedanken kamen mir, während ich festen Schrittes von diesem Ort zu entfliehen versuchte, bis ich nach einigen Stunden endlich die Wolke nicht mehr sehen konnte. Es war wieder dunkel geworden, nachdem der Sonnenuntergang, der die Wolke hinter mir anstrahlte, schon etwas Unwirkliches hatte. Diesmal schlief ich nur wenige Stunden und es war noch vormittags, als ich wieder aufwachte, aber ich fühlte mich total fit, als wenn ich Bäume ausreißen könnte und so lief ich gleich wieder weiter. Nach einer Stunde war ich schon in Urmar-Tanda angekommen, wo ich direkt zu Herrn Singh ging, bei dem ich ja schon ein paar Nächte geschlafen hatte. Er war sichtlich unerfreut, mich zu sehen, vielleicht lag es daran, dass er mir immer noch böse war, weil ich dankend seine Spritze ablehnte. Auf jeden Fall forderte er mich auf, umgehend wieder zu verschwinden, er brachte mich sogar mit seinem Moped zur nächsten Bushaltestelle und erklärte mir, welchen Bus ich nehmen musste, aber nicht aus Nettigkeit, sondern weil er mich schnell loswerden wollte. Seltsame Leute waren das hier. Aber in einem deutschen Krankenhaus hatte ich auch schon einmal einen Arzt erlebt, der sich in seiner Ehre verletzt fühlte, weil ich seine Spritze verweigerte, was zu einem Rausschmiss führte. Herr Singh wartete sogar, bis der Bus kam, damit er sich auch sicher sein konnte, das ich abhaue. Ich stieg in den Bus nach Neu Delhi, der zum Glück nicht so voll war, wie der Zug, den ich gestern sah, stellte mich auf eine unendliche Stunden währende Fahrt ein und fing an, vor mich hin zu dösen. Unterwegs machte ich einmal kurz die Augen auf, um zu sehen, dass eine Kuh am Straßenrand lag und die Füße nach oben streckte. So ging man also in Indien mit heiligen Tieren um, dachte ich mir. Irgendwann wurde ich wieder wach. Die Sonne stand schon recht tief am Himmel und als wir über eine sanfte Kuppe fuhren, konnte ich vor uns in der Ferne die Lichter einer riesigen Stadt sehen. Ein paar Kilometer weiter fing es wieder an, unangenehm zu stinken, diesmal nach Müll, Chemie und verbrannten Leichen, was auch nicht besser war, als der Gestank, der aus dem Schornstein quoll. Je näher wir der Stadt kamen, desto intensiver wurde der Gestank. Es brannte nur nicht ganz so schlimm in den Augen, wie die penetrante Wolke der Fabrik. Es war dagegen regelrecht harmlos. Die ersten Häuser tauchten auf und recht schnell wurde daraus ein Konglomerat aus Wellblechhütten, ziemlich heruntergekommenen Häusern und ein paar nobleren Hütten, deren Bewohner offenbar nicht ganz so arm waren, wie die meisten ihrer Nachbarn. An den Häusern entlang waren dicke Kabel im Dutzend zu Strängen zusammengebunden, an denen jedes Haus eine Abzweigung installiert hatte. Ich war mir sicher, dass fast niemand seine Stromzufuhr absichern, geschweige denn bezahlen würde. Rechts am Wegrand unter einer Brücke waren einige Holzverschläge eingebaut, vor denen eine ganze Reihe Obdachlose schliefen, deren Füße teilweise bis auf die Straße hingen. In jedem Verschlag war eine Kuh eingesperrt, die wohl dem jeweiligen obdachlosen Besitzer die tägliche Milch geben durfte. Diese Obdachlosen waren reich gegenüber denen bei uns, die zumeist nur eine Flasche Bier besitzen. Nach ein paar Kilometern weiter gab es plötzlich einen Stau und nach ein paar hundert Metern Stop and Go war mir klar, woran es lag. Eine Herde von etwa 100 Kühen blockierte die Kreuzung und ließ sich eher widerwillig von der Straße vertreiben. Hier hatten die Kühe das Sagen über den Verkehr. Endlich gaben sie den Weg frei und von hier aus waren es nur noch ein paar Minuten zum Flughafen.

Jetzt musste ich mich erst mal zurechtfinden, der Eingangsbereich war doch sehr unübersichtlich. Ich lief durch unendlich lange Gänge, durch riesige Wartehallen, um mich wieder in einem langen Gang wiederzufinden. Dort war ich plötzlich ganz alleine. Es war nicht viel los zu so später Stunde. Eine Frau in einem langen Gewand kam mir entgegen. Sie war offenbar eine Angestellte, da sie direkt auf mich zukam und fragte, wie sie mir helfen könnte. Ich sah bestimmt hilfsbedürftig aus. Ich schilderte Ihr meine Situation, dass ich aus Angst vor einem Überfall aus einem fahrenden Bus gesprungen war, dort mein Gepäck zurück ließ, noch 500 Euro in der Tasche hatte und Heim wollte. Sie forderte mich auf, mitzukommen und wir gingen ein paar hundert Meter durch Hallen und Gänge, bis wir an ihrem Büro ankamen. Auf dem Schild an der Tür stand, dass hier die Chefin ihr Büro hat. Sie war also die oberste Chefin des gesamten Flughafens und nahm sich mir Erbarmungswürdigem an. Das schien mir ein gutes Omen zu sein. In ihrem großzügig eingerichteten Büro bot sie mir einen Stuhl an, bat mich zu warten und verschwand durch die Türe, durch die wir gerade herein kamen. Eine Viertelstunde später erschien sie wieder und brachte noch einen jungen Mann mit. Er war ein sogenannter "Flight Agent" der Usbekistan Airlines und seine Aufgabe bestand darin, Angebote zu machen. Einen Sitz hätte er noch für mich mit Zwischenlandung in Taschkent, allerdings mit einer Wartezeit von drei Tagen in der usbekischen Hauptstadt. Das Ganze sollte genau 500,- € kosten. Die Chefin des Flughafens lächelte wohlwollend, doch ich überlegte, wie ich mit den restlichen 50 Cent in der Tasche wohl in Taschkent über die Runden kommen sollte. Ich sah mich schon betteln. Ich teilte den beiden meine Bedenken mit und sie mussten einsehen, dass das keine gute Idee war. Sie gingen wieder und die Chefin bedeutete mir beim Hinausgehen, dass ich noch mal warten sollte. Eine weitere Viertelstunde später kam sie zurück und brachte einen anderen Flight Agent mit, jetzt war es jemand von der Lufthansa, der mir einen Direktflug für 2000,- Euro anbot, was ich leider ausschlagen musste. Die beiden berieten ein wenig auf Hindi, riefen kurz noch jemanden an und dann lächelte mich der Agent ganz breit an und fragte mich, ob eine kurze Zwischenlandung in Frankfurt für mich in Ordnung wäre, wenn der ganze Flug bis Düsseldorf genau 500,- Euro kosten würde. "Yes, of course!" antwortete ich und bedankte mich mindestens 1000 Mal bei ihm und der Chefin. Das Ticket zu besorgen war nur noch eine kleine Formalität und eine halbe Stunde später saß ich schon im Flieger, der auch bald abhob. Ich schlief wenige Minuten nach dem Take-Off direkt ein. Erst beim Landeanflug auf Frankfurt wachte ich wieder auf, ich hatte wohl viel Schlaf nachzuholen, doch jetzt war ich wieder hellwach und freute mich schon unbändig, bald in der Heimat zu sein. Es war vormittags, als wir auf den Rhein-Main-Flughafen landeten. Ich musste in eine andere Machine umsteigen, eine kleinere, in die nur knapp 100 Passagiere passten. Bald starteten wir wieder und es ging weiter Richtung Düsseldorf, wo wir in weniger als einer Stunde ankamen. Der kleine Flieger war etwas wendiger und so wurde mir etwas übel, als er die letzte sehr enge Kurve zur Landebahn flog. Die Tragflächen standen fast senkrecht nach oben und unten, so dass ich direkt auf den Boden sah. Endlich war ich wieder zu Hause. Ich ging durch den Flughafen zum S-Bahnhof, der sich unter dem Flughafen befand und überlegte, wen ich mit den letzten 50 Cent in meiner Tasche anrufen könnte. Ich entschied mich für einen Freund, der in Hilden wohnte, ging zur nahe gelegenen Telefonzelle und rief ihn an. Er erklärte sich sofort bereit, zu kommen und mich zu sich nach Hilden mitzunehmen. Ich setzte mich auf eine Bank am Bahnsteig und ließ die letzten Wochen noch mal Revue passieren, als ich aus dem Augenwinkel sah, wie zwei Bundespolizisten mit Schäferhund sich langsam näherten. Sie blieben direkt vor mir stehen und fragten mich nach meinem Ausweis, den ich ihnen natürlich gerne überreichte. Sie musterten meinen Reisepass und blätterten alle Seiten akribisch durch, um mich dann zu fragen, wo denn mein Gepäck sei, denn ich sei ja "eben erst aus Indien gekommen und da hat man doch Gepäck dabei". Ich erzählte Ihnen die Story von meinem waghalsigen Sprung aus dem fahrenden Bus, bei dem ich mein Gepäck zurückgelassen hatte, aber das überzeugte sie nicht. Obendrein hatte ich noch einen langen, schwarzen Bart, der mir bis zu den Brustwarzen reichte und schulterlange Haare sowie als Gepäck nur den Pass und ein Gandhi-Tuch in einer kleinen gelben Tüte. Mir fiel auch auf, dass das zusammengenommen ziemlich verdächtig wirkte, aber was wollte ich tun? Schließlich gingen die Polizisten weiter, nicht ohne sich ständig umzuschauen und mich zu beobachten. Endlich, nach fast einer Stunde, kam mein Freund und holte für uns die Tickets für die Fahrt nach Hilden. Wir stiegen in die nächste S-Bahn ein und während die Bahn losfuhr, konnte ich aus dem Fenster die zwei Polizisten dabei beobachten, wie sie den Bereich unter dem Bahnsteig neben dem Gleisbett mit an einem Stock befestigten Spiegel absuchten, um die Bombe zu finden, die ich gerade dort versteckt haben könnte. "Na, da könnt Ihr lange suchen!", dachte ich und musste lachen. Mein Kumpel wollte wissen, warum ich so kichere, da erzählte ich ihm, dass ich jetzt ein "Schläfer" bin. Wir haben die ganze Fahrt lang über die Paranoia, die sich hierzulande überall ausbreitet, gelacht. Natürlich musste ich meinen Freunden zunächst einmal erzählen, was so alles passiert war. Abends, als wir dann die Nachrichten im Fernsehen einschalteten, wurde mir klar, welches Glück ich hatte. Dort wurde berichtet, dass in der usbekischen Hauptstadt Taschkent gerade zwei Bombenattentate verübt wurden. Einer am Flughafen und der andere auf dem Marktplatz. Das wären wahrscheinlich genau die Orte gewesen, an denen ich mich aufgehalten hätte, wenn ich den anderen Flug der usbekischen Fluggesellschaft genommen und drei Tage Aufenthalt in Taschkent gehabt hätte ...

Ende April 2004 Das Bergische Land

Nach den turbulenten Ereignissen in Indien hatte ich jetzt das Bedürfnis nach Ruhe und so beschloss ich, eine kleine Naturwanderung zu machen. Das Bergische Land bot sich geradezu an, weil es direkt an der Stadtgrenze von Hilden anfing und trotz der Nähe zu einigen Ballungszentren eine Menge schöne Natur zu bieten hatte. Der ideale Ort, um von der Hektik des Alltags Abstand zu nehmen. Ich ging also los, bekleidet mit Shorts, T-Shirt und Turnschuhen und vergaß auch nicht mein Gandhi-Tuch mitzunehmen, welches mir als Decke dienen sollte. Nach einer halben Stunde war ich am Ortsschild angelangt, die Straße "Ohligser Weg" führte nach Ohligs, einem Stadtteil von Solingen. Es ging ein Stück durch den Wald, bis ich am Engelsberger Hof vorbei kam, einem Restaurant mit angeschlossenem Freizeitgelände. Hier bog ich rechts ab in einen Feldweg, weil ich möglichst wenigen Menschen begegnen wollte. Zunächst gab es noch einen geteerten Feldweg, dann einen Grasweg und bald war ich auf einem Trampelpfad angelangt, der in den dichten Wald führte. Ich war ganz allein. Endlich keine Menschen mehr. In Indien hatte es ja regelrecht gewuselt vor Menschenmassen. Ich genoss die Stille. Nur ein paar Vögel pfiffen, der Verkehr der nahegelegenen Autobahn 3 war zu einem leisen Rauschen abgeklungen, welches nach wenigen Kilometern vollends verstummte. Endlich Stille. Auch die hatte ich vermisst, nicht nur in Indien ist man ständig Lärm, greller Werbung und sonstiger Reizüberflutung ausgesetzt und hat viel zu wenig Gelegenheiten, sich davon komplett abzugrenzen. Ganz bewusst hatte ich auch keine Lebensmittel mitgenommen, weil ich durch Wasser aus Quellen und Kräutern eine gewisse Fastenwirkung erzielen wollte, da ich ja in Indien irgendeinen Müll zu mir genommen hatte. Der dadurch entstandene Durchfall war ja gerade einmal vor kurzem abgeklungen. Ich streifte durch die hügelige Landschaft und verließ oft den Weg, um einfach querfeldein durch den Wald zu gehen. Ich wusste schon bald nicht mehr, wo ich war, aber es war mir auch völlig egal. Spätnachmittags wurde ich plötzlich müde und wollte mich ein wenig ausruhen, da entdeckte ich ein paar Stellen zwischen Nadelbäumen, wo dicke Moospolster wuchsen. Ich las die wenigen kleinen Äste und Tannenzapfen aus einem der Moosbettchen, breitete mein Gandhi-Tuch darüber aus und legte mich hin. Die Sonne schien zwischen den Bäumen durch genau auf mein Bett und ich schlief in der angenehmen Wärme der letzten Sonnenstrahlen bald ein und wachte erst wieder im Dunkeln auf. Ich wanderte weiter und fand es teilweise richtig mystisch, nachts durch Wald, Feld und Flur zu streifen. Im Morgengrauen wurde ich wieder müde und suchte mir wieder ein gemütliches Plätzchen, wo ich bis mittags schlief. Als ich weiter ging, kreuzte nach ein paar Minuten eine Straße meinen Weg, der ich in südlicher Richtung folgte. Eine weitere halbe Stunde später konnte ich in der Ferne ein Dorf sehen, auf welches ich langsam zuging. Kurz vor dem Ortsschild sagte ich mir: "Warum nicht?", warf mir mein Gandhi-Tuch über die Schultern, so dass ich damit sowie mit meinem langen Bart und den schulterlangen, schwarzen Haaren mindestens aussehen musste wie jemand, der vor 2000 Jahren in Palästina gelebt hatte. Bei den ersten Häusern angekommen, legte ich ein gütiges Lächeln auf, um auch ja so authentisch wie möglich zu wirken und ging ganz langsam weiter. Die ersten Menschen waren auf der Straße zu sehen und ich grüßte jeden, dem ich begegnete, so freundlich wie ich nur konnte. Niemand grüßte zurück. Ich blickte nur in Gesichter mit offenen Mündern und fassungslosem Starren. Einige Fenster an dieser Hauptstraße öffneten sich und ich sah noch mehr fassungslose Blicke, die mich zu durchdringen suchten, aber ich blieb weiter höflich, lächelte auch weiter jeden an und grüßte jeden, der mir begegnete. Eigentlich hätte ich jetzt wegen der skurrilen Situation laut loslachen müssen, aber ich hatte mir diese ja selbst geschaffen. Außerdem habe ich viel Geduld und beschloss, den Leuten bis zum bitteren Ortsende den Jesus zu geben. Als ich in der Ortsmitte ankam, schauten schon aus mehr als der Hälfte der Häuser Leute aus den Fenstern, doch immer noch grüßte niemand zurück. Ich ging immer weiter, bis ich nach einigen hundert Metern am Ortsausgang war. Dort bog die Straße nach links in ein kleines Tal und verlief weiter unten in engen Serpentinen. Um die Kurve herum, als ich beim Zurückschauen keine Häuser mehr sehen konnte, kletterte ich die Böschung hinauf, um mich hinter einem Gebüsch erst mal auf einen großen Stein zu setzten, innezuhalten und endlich laut zu lachen. Nachdem ich nun so da saß und schon einige Minuten lang nicht aufhören konnte, lauthals zu lachen, so dass mir der Bauch schon ein wenig weh tat, bemerkte ich, dass immer mehr Autos aus dem Dorf kamen, die langsam, teilweise mit Schrittgeschwindigkeit talwärts fuhren. Bald schon war es eine regelrechte Blechlawine, die um die Kurve quoll und es wurden immer mehr. Alle Insassen schauten ganz angestrengt nach links und rechts, als ob sie etwas suchen würden. Vielleicht suchten sie ja den seltsamen bärtigen Mann, der sich, versteckt hinter einem Gebüsch, über sie lustig machte. Ich musste noch mehr lachen und konnte gar nicht mehr aufhören, als plötzlich sogar ein Polizeiwagen in der Blechschlange mitgeschoben wurde, deren Insassen genau so angestrengt etwas suchten, wie alle anderen. Noch drei Autos weiter hinten in diesem zähflüssigen Geschiebe tauchte dann auch noch ein Krankenwagen auf. Die Insassen suchten offenbar auch den Mann mit dem Gandhi-Tuch. Vermutlich hatte jemand angerufen und gesagt, dass gerade jemand durch ihr Dorf gelaufen sei, der bestimmt aus der Klapsmühle ausgebrochen sein musste. Oder so ähnlich. Ich stellte es mir jedenfalls so vor. Eigentlich wollte ich ja so langsam weiter gehen, aber ich dachte mir, dass ich vielleicht doch lieber noch eine Weile warten sollte, nicht, dass es noch zu unguten Szenen mit der Polizei kommen könnte. Also lachte ich noch weiter auf meinem Stein hinter der Hecke und wartete, bis der viele Verkehr langsam abebbte. Über eine Stunde musste ich warten, bis endlich keine Autos mehr kamen und es so ruhig wurde, wie auf dem Weg zum Dorf hin, wo ich in 30 Minuten nur ein Auto gesehen hatte. Ich kletterte von meiner versteckten Beobachtungswarte herunter und ging die Straße talwärts, wo nach wenigen hundert Metern ein Feldweg nach links von der Straße weg führte. Ich wollte wieder alleine sein und nahm deshalb den Feldweg, um über diesen bald wieder im Wald zu verschwinden. Am späten Nachmittag wurde ich wieder müde und fand bald schon ein gemütliches Plätzchen, wo ich es mir bequem machte und kurze Zeit später mit einem Lächeln im Gesicht einschlief. Ich wurde irgendwann nachts wach, weil es merklich kühler geworden war. Diesmal wandelte ich die ganze Nacht bis in den späten Vormittag hinein durch die Wälder. Als es hell wurde bekam ich ein wenig Hunger und Durst. Bald darauf fand ich einen kleinen Bach, dem ich ein paar hundert Meter bachaufwärts folgte, bis ich zur Quelle gelangte, an der ich meinen Durst stillte. Es war köstlich. Ich fand auch eine Menge Kräuter, die ich dann zu mir nahm. Brennesselspitzen, Spitzwegerich, Waldsauerklee und sogar ein paar kleine Walderdbeeren stillten meinen kleinen Hunger für den Tag. Als die Sonne am späten Vormittag höher stand, wurde es etwas wärmer und die Müdigkeit überfiel mich. Ich suchte mir ein gemütliches Schlafplätzchen und schlief auch diesmal rasch wieder ein. Als ich wieder aufwachte, war es schon dunkel und etwas ungemütlich, da es leicht nieselte und die Temperatur merklich zurückgegangen war. Ich beschloss, die Wanderung abzubrechen und wieder Richtung Hilden zu laufen. Doch dazu musste ich erst einmal einen Ort oder zumindest eine Straße suchen, denn ich befand mich mitten in einem riesigen Waldgebiet irgendwo zwischen Leverkusen, Solingen und Remscheid und wusste noch nicht einmal annähernd, wo ich mich befand. Das einzige, was mir zur groben Orientierung diente, war der gerade untergehende zunehmende Mond, der mir anzeigte, wo in etwa Westen sein musste. Der Waldweg, an dem ich meinen Schlafplatz eingerichtet hatte, verlief ungefähr in Nord-Süd-Richtung und da ich davon ausging, in etwa nach Nordwesten laufen zu müssen, folgte ich ihm in nördlicher Richtung, bis er nach ein paar Kilometern eine Straße kreuzte, der ich dann in westlicher Richtung folgte. Nach etwa zwei Kilometern kam eine Kreuzung und ich las auf dem großen gelben Schild, dass ich auf dem richtigen Weg Richtung Solingen war und dass Remscheid hinter mir lag. Eigentlich war es gar nicht mehr so weit, doch die Temperatur ging immer weiter zurück und der Nieselregen wurde etwas stärker, weshalb ich ein wenig schneller ging. Ich bin eigentlich ziemlich tolerant gegenüber tiefen Temperaturen, aber es wurde dann doch ein wenig ungemütlich in meinem feuchten T-Shirt und einem leicht auffrischenden Nieselregenwind. Auf einer Anhöhe standen ein paar einzelne Häuser und es gab sogar ein Bushäuschen. Ich beschloss, eine kleine Pause zu machen und mich auf der Bank ein wenig auszuruhen, zumal es gerade jetzt auch begann, ein wenig stärker zu regnen. Als ich ein paar Minuten in diesem Bushäuschen saß, kam ein Polizeiwagen vorbeigefahren, der einige Meter weiter abbremste und hielt. Ich dachte mir, dass die mich vermutlich gesehen hatten und sich bestimmt fragten, warum jemand zu so später Stunde in einer Bushaltestelle sitzt, wo doch der nächste Bus sicherlich erst am frühen Morgen kommen wird. Ich rechnete damit, dass die Beamten mich jetzt kontrollieren kommen, aber nichts passierte. Sie blieben im Auto sitzen und schienen auf etwas zu warten. Nach etwa 10 Minuten wusste ich, auf was sie warteten. Ein zweiter Polizeiwagen kam angefahren und hielt direkt hinter dem ersten an. Jetzt stiegen alle vier Polizisten aus und mussten offensichtlich allen Mut zusammen nehmen, um den dubiosen bärtigen Mann in der Bushaltestelle einer Kontrolle zu unterziehen. So sah es jedenfalls aus, da sie gemeinsam herüberkamen und auch nicht vergaßen, mich mit Taschenlampen zu blenden. Nun standen zwei Polizisten vor mir, die anderen in sicherer Entfernung und ich wurde gefragt, was ich zu so später Stunde in dieser einsamen Bushaltestelle mache. "Ich mache seit drei Tagen eine Kräuterwanderung", antwortete ich. Der Polizist musterte mich von oben bis unten und fragte dann "Und wovon ernähren Sie sich?", worauf ich ihm meinen kleinen Speisezettel erklärte: "Von frischem Quellwasser und einigen Kräutern, wie z.B. Brennesseln, Ampfer, Waldsauerklee, Wegerich und einigen anderen Leckereien", worauf ihm nur ein "UND DAVON WIRD MAN SATT???" entfuhr. Ich lächelte ihn an und bejahte seine Frage. Dann kam ein anderes Thema an die Reihe: "Sie waren in Indien?", "Ja". "Haben Sie gar kein Gepäck dabei?", "Nein". Vielleicht meinte er, wie auch schon seine Kollegen an der Bahnstation des Düsseldorfer Flughafens, den Bombenkoffer, den jeder dabei haben muss, der einen langen Bart trägt und gerade aus dem Urlaub in Indien zurückgekommen ist. Zumindest legte er nun wieder seinen kritischen Blick auf, den er schon bei der Aufzählung meiner Nahrungsmittel bekam. "Na gut, dann kommen Sie gut nach Hause" sagte er und bedeutete seinen Kollegen mit einem vielsagenden Blick, dass die Gefahr vorüber war und sie wieder fahren konnten. Sie stiegen in ihre Autos und fuhren davon. Mittlerweile hatte es fast aufgehört zu regnen und ich trottete langsam weiter, nicht nur weil mir vom Rumstehen ein wenig kalt geworden war. Ich kam ein paar hundert Meter am Ortsschild von Solingen an und zwei Stunden später war ich wieder in Hilden.

10.05.2004 Der Müll türmt sich

Der Müll türmt sich nicht nur am Peterstor, sondern flächendeckend wird unser Planet vermüllt, verseucht oder zubetoniert. Weit und breit ist niemand in Sicht, der diesem Zustand abzuhelfen vermochte, wie es der Schreiber des Artikels als frommen Wunsch hinten anfügte. Warum nur?

Juni 2004 Die künstlerische Ader

Nachdem ich vor ein paar Wochen bei der Arbeit als Briefträger einfach eine kleine Eingangstreppe heruntergefallen und wie ein Maikäfer auf dem Rücken liegengeblieben war, ohne einige Minuten lang wieder aufstehen zu können, dachte ich mir, dass ich bald mal etwas an meinem Leben ändern sollte. Als pflichtbewusster Workoholic bin ich natürlich auch "mit dem Kopf unter dem Arm" zur Arbeit gegangen, selbst, wenn es mir total dreckig ging. Krank "gemacht" hatte ich nur in Ausnahmefällen. Obendrein hatte ich auch Probleme privater Natur. Ich war geschieden und hatte, wie wohl jeder geschiedene Mann, laufend Ärger mit den Behörden, die mich ständig massiv unter Druck setzten. Und so machte ich neben meinem Job bei der Post noch zwei Nebenjobs, um erstens meinen riesigen Schuldenberg abtragen zu können und zweitens meinen Unterhaltszahlungen nachkommen zu können. An mehreren Tagen in der Woche fuhr ich noch Wäsche für eine Wäscherei aus, teilweise bis zum späten Abend und am Wochenende verteilte ich kostenlose Werbezeitungen, die sowieso keiner liest. Eigentlich verbrachte ich die Woche ausschließlich mit Arbeiten, Essen, Schlafen und auf dem Klo. Es war gar kein Wunder, dass es so kam wie es kam. Ich arbeitete buchtäblich bis zum Umfallen. Ich kündigte bei der Post. Zum Glück gab es gerade zu der Zeit eine Offensive der Post, wo man eine Abfindung bekam, wenn man freiwillig aus dem Dienst schied. Damit konnte ich wenigstens die Schulden bezahlen und ein paar Monate überleben. Diese Pause hatte ich auch wirklich bitter nötig. Als das Geld knapper und mein Zustand etwas besser wurde, suchte ich mir einen 400-Euro-Job. Ich fuhr für ein kleines Logistikunternehmen eine kleine Tour für ein paar wenige Stunden am Tag. Während dieser Umbruchsphase war mir mehrmals in den Sinn gekommen, einfach auszusteigen, aber ich fand einfach nicht den Mut und so versuchte ich, wenigstens meine Lebensfunktionen zu erhalten.

...

Ab hier fehlt noch eine Menge Text und hier und da auch ein paar wenige Dateien. Ich bin gerade dabei, alles zu vervollständigen, was aber leider noch eine ganze Weile dauern kann (19.05.2017)

10.08.2004 Das böse Omen

Der Klau der Bautafel scheint sich negativ auf die weitere Entwicklung des Projekte auszuwirken. Anders kann man sich die Verzögerungen nicht erklären, von denen vierteljährlich berichtet wird.